Wien: Wettbewerb Nordbahnhof

Städtebaulicher Ideenwettbewerb Nordbahnstraße – Innstraße

Wettbewerbsbeitrag

Zwischenbrücken nannte man die Gegend zwischen dem Donau Strom und dem Donau Arm.  Hier gab es unzählige “Haufen“, also Inseln, die klingende Namen hatten: Wolfsschütthaufen, Kühhagel, Kühhaufen, Taborhaufen, Fischerhaufen… Die Leopoldstadt wurde im Nordosten vom befestigten Linienwall begrenzt. Der mittelalterliche Zug der Kremser Straße, heute Taborstraße, querte diese Linie und führte über die namensgebenden zwei Taborbrücken in Richtung Nordosten über die Donau. Mit der Donauregulierung und dem Bau der Bahnanlagen wurde diese Verbindung unterbrochen und der Verlauf der Straße ging verloren.

> Historischer Plan

Aus dieser historischen Vorgabe werden für die Neugestaltung des Gebietes folgende Planungsansätze und Ideen abgeleitet:

Der wichtigste Punkt für die Aufschließung des Planungsgebietes liegt dort, wo die Achse der Taborstraße die Bahntrasse kreuzt. Die Taborstraße soll in ihrer fußläufigen Qualität durch den Bahndamm geführt und bis zur Vorgartenstraße bzw. zum Handelskai durchgebunden werden.

Die aus der Zeit vor der Regulierung stammenden Erhebungen und die Grünbestände entlang der ehemaligen Gleistrasse sollen zu einem Grünzug verbunden werden, der vom Zentrum des neuen Stadtgebietes bis zur Donau führt. Die uferbegleitenden Verkehrsstränge  werden dort mit einer Grünbrücke für Menschen und Tiere überspannt. Sofern der Gleisbogen für die Straßenbahnlinie in Anspruch genommen wird, verkehrt diese auf einem Rasengleis. Es gibt zudem einen mindestens 4 m breiten Fuß- und Radweg und einen Streifen, der mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt ist.

Die Ruderalfläche im Wettbewerbsgebiet soll besonders geschützt und aufgewertet werden. Dazu wird sie von einer Mauer umgeben und über drei Tore zugänglich gemacht, die nachts geschlossen werden. Der so geschaffene hortus conclusus überhöht die Wirkung des Natürlichen in der Künstlichkeit der urbanen Umwelt.

hortus conclusus

Auf diese Weise wird ein Rückzugsraum für viele Arten geschaffen. Die bewusste Nicht-Gestaltung fördert die Entwicklung einer noch größeren Artenvielfalt. Für die Menschen wird ein Raum der Kontemplation und Beobachtung geschaffen. Hier genießt man die nicht gepflegte Natur, die ausgeprägte Krautschicht mit der wilden Clematis (clematis vitalba) und zahlreichen für den Donauraum typischen Gräsern und man spaziert auf gekiesten Wegen unter Graupappeln, Zitterpappeln, Erlen und Weiden. Sie führen die unterirdische Wasserlandschaft vor Augen. Wenn es dunkel wird, muss man dieses Paradies verlassen. Dann gehört es den Hasen, Mardern, Füchsen, Katzen, Nachtfaltern – und die Fledermäuse drehen ihre Runden.

Ebenfalls als wertvoller Bestand zu erhalten ist ein großer Baum, der auf dem ehemaligen Bahngelände steht. In der Neuplanung ist dessen Standort auf Baufeld 27c. Hier steht er nun erhöht über dem Schulplatz, auf dem “Schulhaufen” und wird über eine Treppenanlage erreicht, die auch zum oberen Niveau der Wohnbauanlage führt.

Der erhöhte Bereich, auf dem der historische Wasserturm steht, soll als Reminiszenz an die vormalige Insellandschaft den Namen “Fischerhaufen” tragen und als Stadtteilpark angeeignet werden. Terrassen und Treppen führen vom neuen Straßenniveau hinauf zur Basis des Turms, in dem sich gastronomische und kulturelle Nutzungen ansiedeln können. Im Gegensatz zum hortus conclusus soll die Erhöhung rund um den Wasserturm für junge Städterinnen und Städter rund um die Uhr zugänglich sein. Ein derartiger öffentlichen Raum ist besonders für Heranwachsende von großer Bedeutung: Erlernen von Gemeinschaft, soziale Kontakte für das Leben, Ventil für Agressionsverhalten, gegen Vereinsamung, Spielsucht.

An den Straßen, die in das Gebiet einleiten und es mit der Umgebung verknüpfen, bilden dichtere und höhere Gebäude Eingangspforten. Eine Mischnutzung aus Gewerbe und Büro generiert hier eine erhöhte Frequenz und führt Menschen in das Gebiet.

In der Verlängerung der Taborstrasse soll die Taborpassage entstehen, ein Handels- und Dienstleistungszentrum, das sich zu beiden Seiten des Bahndamms erstreckt und auch im Bereich der Unterführung Geschäftsflächen aufweist. Hier findet die Taborstraße als Geschäftsstraße ihre zeitgemäße Fortsetzung. Auf diese Weise wird die fußläufige Nutzung zu allen Tageszeiten angeregt und es entsteht Sicherheit durch soziale Kontrolle, Licht und Aktivität. Auch die Straßenbahn soll diese Passage durchfahren – nicht jedoch der motorisierte Individualverkehr. Die Taborpassage verbindet das Quartier mit dem Gebiet des Nordwestbahnhofs.

Taborpassage

Die Bruno-Marek Allee spannt sich in Form einer Promenade zwischen dem Bank Austria Campus und dem Schulplatz. Er stellt das Rückgrat des neuen Quartiers dar. Begleitet wird die Promenade von Gebäudeclustern – offenen Perimeterblöcken auf einem leicht höhenversetzten Sockel – deren Innenhöfe sich zur Promenade öffnen – teils als begrünter Innenbereich oder für kleinteilige gewerbliche oder gastronomische Nutzung. Ausbuchtungen und Querverbindungen erweitern den Boulevard für Sport- und Freizeitnutzungen und machen ihn für BewohnerInnen und BesucherInnen attraktiv.

Quer zum Strang der S-Bahn wird in Verlängerung der Schweidlgasse dies- und jenseits der Gleistrasse ein öffentlicher Aktivitätsraum situiert. Es  werden  Fitnessgeräte, Tai-Chi-Plätze und Sportflächen angeboten. Mit dieser Grün- und Aktivitätsachse wird das Volkertviertel durch die Unterführung an die Bruno-Marek-Allee angebunden.

Die ehemalige Leichenhalle an der Dresdnerstraße sollte jedenfalls erhalten werden. Dieses Areal könnte – ergänzt durch Neubauten – in Form eines sozioökonomischen Betriebes mit Übergangswohneinrichtungen ausgestattet werden.

Anschließend an dieses Areal (auf Baufeld 44) sollen Gewerbehöfe angesiedelt werden. Das sind hakenförmige Gebäude auf tiefen Parzellen, die aus Vorderhaus, Seitenhaus und Hinterhaus bestehen und damit an die Tradition der gründerzeitlichen Fuhr- und Handwerkerhäuser anknüpfen. Diese haben den großen typologischen Vorteil, dass sie vielfältig adaptierbar sind und von kleinen Unternehmen betrieben werden können. Damit eigenen sie sich gut für die urbane Kreativindustrie, die im 2. Bezirk stark vertreten ist.

Südlich der Taborstraße, auf den „Kaiser-Ferdinand-Gründen“ (Baufelder 43 und 44), werden Parzellen für Baugruppen ausgewiesen – ebenfalls in Anknüpfung an die urbane Kultur der Leopoldstadt. Die Parzellen ermöglichen jeweils das Errichten eines Vorder- und eines Hinterhauses. Der Zwischenraum kann gewerblich genutzt und/oder als Garten gestaltet werden. Wesentlich ist an diesem Konzept, dass auf den tiefen Parzellen jede Baugruppe sowohl Anteil an der Straßenfront als auch an der Bahn-Lage hat. Die Vor- und Nachteile dieser Lagen werden jeweils innerhalb der Baugruppe verhandelt und optimiert – wobei Wohnen und Arbeiten innerhalb einer Parzelle auf vielfältige Weise verschränkt werden sollen.

Auf den an der Vorgartenstraße gelegenen Baufeldern 26 und 27a könnte ein selbstverwaltetes genossenschaftliches Wohnprojekt (nach dem Modell „Sargfabrik“) entstehen. Einen passenden Namen gibt es jedenfalls schon: “Am Todtenköpfel“ – nach dem so benannten Ort des alten Bezirkes Zwischenbrücken, der sich in unmittelbarer Nähe befand. Hier soll der alte Baumbestand in die Gestaltung einbezogen werden.

Angrenzend an die Signalstreckenanlage, die vorerst nicht verändert wird, soll der hochwertige Altbestand an der Innstraße erhalten und in die Neugestaltung einbezogen werden.

Schule und Kindergarten werden im Gelenk zwischen den Achsen von Bruno-Marek-Allee und Leystraße angeordnet. An der Platzkante befinden sich zwei zueinander gestellte Gebäude, die einen angehobenen Innenhof aufspannen. Die Straßenbahn hält hier direkt vor der Türe.

Eine Mehrfachturnhalle wird als markantes Bauwerk in die Achse der Bruno-Marek Allee angeordnet und dient damit als Orientierungspunkt. Diese Halle hat einen besonderen Stellenwert im Gebiet als zentral gelegene Freizeiteinrichtung mit Mehrfachnutzung. Die Absenkung und großzügige Fensterbänder erlauben ein Zuschauen von außen. Auch auf dem Dach befindet sich eine allgemein nutzbare Sportfläche.

Auf diese Weise entsteht der Schulplatz. Begrenzt von den Bildungseinrichtungen, dem Fischerhaufen, dem hortus conclusus, den Wohnbauten und Geschäften, wird er im Alltag der BewohnerInnen gebietsübergreifende Bedeutung entwickeln.

Die Wohnbebauung an der Bruno-Marek Allee setzt sich aus unterschiedlichen Gebäudemodulen zusammen, die sich um einen halböffentlichen Hofbereich gruppieren. Dieser Hofbereich ist ein halbes Geschoss über Straßenniveau abgesetzt und bekommt dadurch einen intimen und gegenüber dem Boulevard geschützten Charakter. Dieser Hofraum wird zugleich als eine Erweiterung des Boulevards gesehen und kann Gastronomie, Büros, Kleinhandel, aber auch Wohnfolgeeinrichtungen (z.B. Kinderkrippen) aufnehmen. Attraktive Aufenthaltsbereiche tragen zur spezifischen Standortidentität bei und können von Hof zu Hof thematisch unterschiedlich aufgeladen werden. Hochgewachsene Bäume sollen hier zu einem angenehmen Raumklima beitragen.

Zwischen der Gleislandschaft und den Wohngebäuden an der Bruno Marek Allee sollen mehrgeschossige Wohnhäuser für Familien mit süd-west orientierten großzügigen Terrassen entstehen. Die  Höhenentwicklung dieser Wohngebäude wird so bemessen, dass die Geschosse unterhalb des 50dB-Lärmausbreitungsbereiches bleiben. Ihre Lage und Ausrichtung schaffen eine attraktive Wohnqualiät mit einem großzügigen Ausblick. Diesen Häusern sind zusätzlich private Gärten vorgelagert, die von den Bewohnern und Bewohnerinnen individuell bestellt werden können.

 

Mitarbeit: Kristina Demund und Johannes Paar
Visualisierungen: Emanuel Tornquist

archurb · 09.02.2012
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